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Cavalleria rusticana / Pagliacci (Wiener Staatsoper)

Renate Wagner - Der Neue Merker

20 Feb 2010
Picture: © Staatsoper Wien

Es war das Wiener Debut von José Cura in der Rolle des Turridu, und er sang erstmals an der Wiener Staatsoper Turridu und Canio an einem Abend (es ist eines seiner berühmten „Kunststücke“, er hat es schon an der Met, in Zürich und in Köln absolviert). Der Abend wurde zu Recht sein ganz persönlicher Triumph. Wenn man es nicht schon gewusst hätte, hier wurde es bestätigt – José Cura ist der König des Verismo.

Wer von ihm erwartet, auf „Linie“ schön zu singen und belcantesk zu schmachten, wird immer enttäuscht sein. Wenn es darum geht, die ganze Persönlichkeit und die ganze Stimme in eine hochdramatische Rolle zu werfen (was ihn auch zu einem der besten Don José unserer Bühnen macht), wird er derzeit von kaum jemandem getoppt werden. Er sang die beiden Rollen sicherlich nicht lupenrein sauber, aber immer mitreißend, mit einer schonungslos trumpfenden, nie wankenden Höhe und erstaunlicher Kraft. (Wäre er nicht erwachsen und wägt vermutlich ab, was er tut, würde man sich Sorgen darum machen, wie er mit seinem Material umgeht.) Dazu kommen in diesem Fall die darstellerischen Leistungen – und das von einem Sänger, der, wie man weiß und peinvoll erlebt hat, gelegentlich auch ganz gelangweilt herumstehen kann. Das passiert hier nicht.

Turridu ist in Lola verschossen, so sehr, dass er den Verstand verliert, dass er sein Leben riskiert – und die lästige Santuzza nur abweisen kann, ärgerlich, aber ohne Brutalität. Denn als es ans Sterben geht, ist es ergreifenderweise nur sie, an die er denkt. Noch nie ist dermaßen klar geworden, dass die Provokation, die Turridu hier gegen die Gesellschaft setzt, in der er lebt, eigentlich ein Todeswunsch ist. Und so stirbt er auch, ganz im Hintergrund, wenn er nach einigen Messerfinten die Waffe wegwirft und in Alfios Messer hineingeht... Da war man mit der Sicht von der Galerie aus privilegiert, von unten konnte man das vermutlich gar nicht so sehr sehen.

Auch Curas Canio ist von aggressiver Unruhe getrieben, er lebt mit seinem Verdacht gegen seine Frau, will ihn bestätigt finden, ist kein pathetisch-heroisch-tragischer, sondern ein wild-leidender Mann, der große Szenen vermeidet – und am Ende auch nicht verzweifelt zusammenbricht, sondern fast entfremdet erstaunt auf die Toten blickt, sich fragend, was er da getan hat...

Das Publikum tobte vor Begeisterung, und was Cura betrifft, zurecht. In der „Cavalleria rusticana” hielten sich die Frauen wacker - Dolora Zajick kann zwar nicht mit ihren großen Santuzza-Vorgängerinnen verglichen werden, ist aber ein Mezzo mit großer dramatischer Kraft in der Höhe (auch wenn diese leicht schrill wird), und sie erweckte Mitleid mit der kleinen, nicht mehr jungen, von Eifersucht gehetzten Frau, die sie darstellte. Aura Twarowska gab mit Haltung die Mamma Lucia, und Roxana Constantinescu lieferte als Lola eine recht bemerkenswerte Studie zwischen frecher Verführung und panischer Angst, als es darum geht, die Konsequenzen ihrer Handlung zu tragen.

Schwachpunkt in der „Cavalleria“ war eindeutig der Alfio des Alberto Mastromarino, der stimmlich gar nicht viel hermachte, weder an Kraft noch Nachdruck (nur im schwächelnden Distonieren war er stark). Aber die Besetzung des „Bajazzo“ ließ gleicherweise zu wünschen übrig. Normalerweise betrachtet man diesen Einakter als den stärkeren, weil die Musik gefälliger und populärer, die Handlung farbiger ist als bei „Cavalleria“, aber an diesem Abend hing der „Bajazzo“ jedes Mal hoffnungslos durch, wenn Cura nicht auf der Bühne war.

Die in Wien debutierende Rumänin Nicoleta Ardelean hinterließ keinen besonderen Eindruck. Sie ist als Koloratursopran an zweiten und gelegentlich auch ersten Bühnen unterwegs, aber wer das „Vogellied“ der Nedda nicht in schwerelosem Piano schweben lassen kann, ist hier fehl besetzt. Auch sonst fiel sie vor allem durch Schrille auf. Lado Ataneli gab einen durchschnittlichen Tonio, der schon mit dem Prolog nicht begeistern konnte, Herwig Percoraro als Beppo und der bemühte Tae Joong Yang mit seinem ersten Silvio konnten den Komödiantenkarren nicht in die Region von wahrer Bühnenlebendigkeit ziehen.

Das Orchester unter Asher Fisch war bei beiden Einaktern nicht überragend, es gab auch Missverständnisse zwischen Sängern, Chor und dem Graben, kurz – wäre da nicht Curas Triumph als Primo Uomo des Verismo gewesen, hätte man es wieder nur mit jenem Durchschnitts-Repertoire zu tun gehabt, das derzeit vorzuherrschen scheint.